Feb 27 2008
Die Zukunft des Internet
Von einer Journalistin bin ich gestern gefragt worden, wie ich die Zukunft des Internet sehe. Nachdem ich lange über meine Antwort nachgedacht habe und sehr viel dazu geschrieben habe, wollte ich das auch gleich in meinem Blog “zweitverwerten” – vielleicht interessiert’s ja jemanden.
Zunächst mal halte ich nicht viel von Versionsnummern für das Internet (Web 2.0, Web 3.0, …), denn eine der Haupteigenschaften des Internet ist es gerade, daß es sich um ein evolutionäres Medium handelt in dem ständig alles in Bewegung ist und ständig Innovation stattfindet. Das zu einem bestimmten Punkt einzufrieren und zu sagen “das ist jetzt Web 3.0″ macht daher aus meiner Sicht wenig Sinn.
Um über die Zukunft des Internet zu reden muß man sich erst darüber klar werden welche Möglichkeiten das Internet bietet. Da sehe ich zunächst mal den Trend, daß mit dem Internet das erste Mal in der Geschichte ein Medium existiert in dem Informationen nicht knapp sind sondern im Überfluß und weitgehend kostenlos zur Verfügung stehen. Für die Marktwirtschaft ist das eine sehr große Herausforderung, denn traditionell ging man immer davon aus daß Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, aber im Internet gibt es per se keine Knappheit von Ressourcen und von jeder Ressource ein “unendliches” Angebot. Der weit überwiegende Teil der Angebote im Internet ist daher praktisch kostenlos (bis auf Internet-Infrastruktur) – das sieht man beispielsweise bei Open Source Software oder auch Diensten wie Google, Wikipedia, Yahoo, und vielen anderen. Das soll nicht heißen das Informationen nichts wert sind, der Wert definiert sich nur anders (komplizierter). Es sei auch angemerkt daß von vielen Unternehmen z.B. durch Gesetze (“Intellectual Property”) versucht wird, die eigentlich unendlich verfügbare Ressource “Information” künstlich zu verknappen, aber mein Eindruck ist, daß das von der Gesellschaft insgesamt eigentlich nicht akzeptiert wird. Meine Prognose ist daher, daß der Markt mittelfristig ein anderes Modell finden wird, und auch den Altruismus sollte man nicht unterschätzen. Eine ähnliche Argumentation findet man z.B. in einem aktuellen Artikel des Wired Magazine und im “Economist”, aber auch seit längerem in der Open Source Community (“The Cathedral and the Bazaar”).
Als zweiten Trend sehe ich, daß das Internet entgegen der Meinung vieler Forscher in den 90er Jahren nicht zu sozialer Verarmung führt, sondern im Gegenteil dazu, daß die Menschen der Welt enger zusammenrücken, interkulturellen Austausch pflegen, und eine viel größere Meinungsvielfalt ermöglicht wird, welche auch Randmeinungen zuläßt. All das wird durch traditionellere Medien sehr viel schlechter ermöglicht, wieder weil die Knappheit der Ressourcen (z.B. der beschränkte Platz in einer Zeitung für Artikel oder Leserbriefe) es unwirtschaftlich macht. Dieser Aspekt wird belegt durch die Vielzahl von Social Software-Systemen die inzwischen im Internet auftauchen: Wikipedia, Weblogs, Social Networking, usw.
Der dritte Trend ist die “Loslösung vom physischen Raum” (das argumentiert z.B. auch David Weinberger in seinem Buch “Everything is Miscellaneous”): in der gesamten Menschheitsgeschichte waren Informationen und Wissen immer auch an einen Raum gebunden. Wissen wurde festgehalten in Papyrusrollen oder Büchern. Um nach Wissen in Büchern zu suchen und finden, muß(te) man die Bücher nach einem hierarchischen System in verschiedene Regale einsortieren, weil jedes Buch physischen Platz wegnimmt. Weltweit etabliert ist z.B. das Dewey Decimal System, welches Bücher nach dreistelligen Nummern sortiert, wobei jede Ziffer eine Hierarchiestufe angibt. Das Dewey System reserviert dabei im Bereich “Religion” 6 oder 7 Ziffern allein für das Christentum, und die restlichen Ziffern für alle anderen Religionen zusammen! Im Internet besteht diese Einschränkung nicht, jede Gesellschaft, jede Gruppe, sogar jeder einzelne kann eine eigene Hierarchie bilden, kann Wissen an mehreren “Orten” verknüpfen und so auf seine persönliche Art und Weise auf das Wissen zugreifen. Ein weiteres Beispiel: während eine Person ihre Urlaubsfotos nach “Italien – 2007 – Urlaub” sortiert, wählt eine andere Person “2007 – Urlaub – Italien”. Beide Hierarchien sind gültig, und entsprechen einfach verschiedenen persönlichen Vorlieben um auf Wissen zuzugreifen. Das bekannteste Beispiel für diese Art der Informationsstrukturierung im Internet ist das Tagging: man kann damit Informationen (z.B. Bilder oder Bookmarks) mit frei wählbaren Schlüsselwörtern versehen die ohne vordefinierte Präferenz sind, also z.B. “Italien”, “2007″, und “Urlaub”.
Und der vierte Trend ist die unglaubliche Rechenleistung, die uns inzwischen zur Verfügung steht. Damit ist es möglich, Milliarden von Webseiten in Sekundenbruchteilen zu durchsuchen. Auch in anderen Bereichen nimmt der Rechner uns zunehmend Arbeit ab: so können E-Mail Clients wie Apple Mail inzwischen automatisch Termine oder Adressen in E-Mails erkennen, und so wird zunehmend ein Semantisches Web ermöglicht, in dem der Rechner ein gewisses Verständnis darüber hat was in Webseiten zu finden ist; damit kann dann noch besser als durch die Volltextsuche relevante Information gefunden und automatisch miteinander verknüpft werden. Ein persönlicher Agent könnte mir so aufgrund meines Terminkalenders, meiner persönlichen Interessen, und der durch andere Benutzer erstellten Veranstaltungstipps ein Abendprogramm in einer fremden Stadt zusammenstellen.
Der fünfte Trend schließlich ist der zum “Ubiqituous Computing”, also zum allgegenwärtigen Computer. Aktuell ist das vor allem sichtbar durch Mobiltelefone, die bereits jetzt viele Aufgaben übernehmen die vor 10 Jahren noch einen PC erforderten. Aber auch in Autos, im Haushalt, und in vielen anderen Bereichen ist diese Entwicklung deutlich sichtbar. Sie ermöglicht es, das Internet überall hin mitzunehmen und von überall zu nutzen.
Wie sehe ich also die Zukunft des Internet? Aus einer Kombination der oben genannten, bisher teilweise getrennten Entwicklungen. Im Internet der Zukunft ist Information (und Wissen) für jedermann frei (oder fast frei) verfügbar. Sie wird bereitgestellt durch andere Benutzer, und jeder kann dazu unkompliziert und von überall aus beitragen. Der Zugang zur Information ist angepasst an meine persönlichen Vorlieben, an meinen aktuellen Aufenthaltsort (fremde Stadt, zu Hause, U-Bahn, Auto), an meinen Kontext (Arbeit oder Freizeit), an das Gerät das ich gerade benutze (Mobiltelefon, PC) und an die Art und Weise wie ich persönlich mit Informationen umgehe (meine Hierarchie). Ermöglicht wird das durch die hohe verfügbare Rechenleistung, die die Grundlage ist für das schnelle Suchen und Auffinden von Informationen. Sei es wie im Moment mit Google, oder wie in der vom Semantischen Web versprochenen Zukunft durch meinen persönlichen Agenten.
Ich möchte das an einem kleinen Szenario beschreiben, welches auf Technologien aufbaut die bereits existieren und zum Teil sogar bei uns (Salzburg Research) entwickelt wurden. Ein Geschäftsreisender kommt wegen eines Meetings nach Salzburg. Er reist am Abend vorher an, und würde gerne noch etwas essen gehen und danach eventuell noch eine Bar besuchen. Seinen Kalender verwaltet er mit Hilfe seines Mobiltelefons. Durch den GPS-Empfänger “weiß” das Mobiltelefon gleichzeitig, daß sich der Geschäftsreisende gerade in Salzburg befindet. Aufgrund der persönlichen Präferenzen sucht das Mobiltelefon zunächst nach “traditionellen Gaststätten”. Mit Hilfe von semantischen Technologien und der Ortsinformation kann das Telefon schließen, daß eine “traditionelle Gaststätte” eine Gaststätte ist, die typische Salzburger Küche anbietet. Um solche Gaststätten zu finden fragt es unter anderem den von vielen Benutzern mit Inhalten und Bewertungen gefüllten Dienst “TagIT” (tagit.salzburgresearch.at) an und entscheidet sich aufgrund der Benutzerempfehlungen für eine Gaststätte in Mülln. Nachdem es im Anschluß kein interessantes Abendprogramm gibt, stellt das Mobiltelefon automatisch mit Hilfe von Angeboten wie WikiTravel oder Heritage Alive (http://www.heritagealive.eu) eine Stadtführung zu interessanten Plätzen zusammen. Auf einer Karte im Display stellt das Mobiltelefon die Route zum Nachwandern dar (TourGuide). Vor dem Salzburger Dom informiert es den Geschäftsreisenden dann automatisch mit Hilfe der Informationen die andere Benutzer auf Wikipedia bereitgestellt haben. All das ist technologisch bereits möglich. Erforderlich ist nur, die verschiedenen Dienste miteinander zu verknüpfen.
Die Frage nach dem Zeitrahmen ist naturgemäß eine sehr schwierige. Hätten Sie vor 15 Jahren gefragt, was das Internet im Jahr 2008 bieten wird, dann hätte kaum jemand auch nur annähernd vorhersagen können was wir heute bereits alles für selbstverständlich halten. Wenn man die vier Trends von oben anschaut, dann würde ich sagen sind wir bei den ersten drei Aspekten schon sehr weit: auch wenn es vielleicht oberflächlich nicht so aussieht, die “Wende” zur freien Information ist in der Gesellschaft fast vollzogen. Sichtbar ist das z.B. dadurch, daß Konzerne wie Sun oder IBM einen großen Teil ihrer Software bereits “Open Source” zur Verfügung stellen, und daß Apple und Sony inzwischen mehr und mehr davon abkommen, Musik mit (nicht funktionierendem) Kopierschutz zu versehen, daß Wikipedia inzwischen wohl die am meisten genutzte Quelle für enzyklopädisches Wissen ist, usw. Das Internet als “soziales” Medium ist ebenfalls in vielen Bereichen bereits Wirklichkeit: Firmen ermuntern Mitarbeiter ein Blog zu führen (z.B. Cisco und Sun), Menschen teilen Ihre Fotos und Videos mit anderen (Flickr, YouTube), Menschen machen gemeinsam Nachrichten (NowPublic.com, zoomer.de), Menschen dokumentieren Zeitgeschichte (einestages.spiegel.de), uvm. Die “Loslösung vom physischen Raum” ist eher noch in den Anfängen: Tagging ermöglicht das für Fotos und Webseiten, und Amazon erlaubt verschiedene Kategorien für das selbe Buch, aber viele Menschen sind noch der Idee der physischen Objekte verhaftet. Und schließlich das Semantische Web: Forschung in diesem Bereich findet schon seit mehreren Jahren statt. Die ersten “richtigen” Anwendungen sind erst gerade jetzt im Entstehen, z.B. verwendet Yahoo Food (food.yahoo.com) viele Semantic Web Technologien. Das sieht man freilich nicht – die besten Semantic Web-Anwendungen sind für den Benutzer einfach nur “besser zu benutzen” und verstecken die Technologie. Nachdem, wie bereits gesagt, das Internet ein evolutionäres Medium ist, wird es nicht “auf einen Schlag” ein Semantic Web geben. Stattdessen glaube ich, daß in den nächsten Jahren semantische Technologien in zunehmendem Maße das Internet durchdringen ohne daß es richtig auffällt (weil es dann als selbstverständlich angenommen wird).
Sicher gibt es die Gefahr eines Zwei-Klassen-Internet. Ich würde die Grenze allerdings eher ziehen zwischen denjenigen die die Medienkompetenz haben das Internet auch vollständig und effektiv zu nutzen indem sie wissen wie man gezielt sucht, wie man die Vertrauenswürdigkeit und die Relevanz von Informationen einschätzt, etc. Diese Gruppe profitiert sehr stark vom Internet und kann wesentlich schneller und effizienter auf Wissen zugreifen als das je in der Menschheitsgeschichte der Fall war. Auf der anderen Seite sehe ich diejenigen, die eher “Gelegenheitssurfer” sind und das Medium nicht richtig verstehen. Diese Gruppe wird zunehmend abgehängt von der ersten Gruppe, weil sie nur eingeschränkten Zugang zu Wissen hat. Dabei spielt der finanzielle Aspekt zwar auch eine Rolle, aber zumindest in unserer Gesellschaft eher eine untergeordnete. Wesentlich wichtiger sind die unterschiedlichen Bildungshintergründe – Menschen aus bildungsnahen Schichten wissen mit dem Internet als Wissensmedium umzugehen, während Menschen aus bildungsfernen Schichten das Internet nur eingeschränkt, z.B. für Spiele, nutzen. Ziel muß daher sein, bereits in der Schule den richtigen, kompetenten Umgang mit dem Medium Internet zu vermitteln.
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